Die Sage vom Basilisk

Die älteste Sage des Trentino

DIE SAGE VOM BASILISK

Die alte Burg war schon dem Zahn der Zeit verfallen, als in der Höhle, die nur noch wenige Überreste der ehemaligen Burg barg, ein Basilisk dort vor den Unbilden des Wetters Unterschlupf fand. Er glich einer enormen Schlange, mit einem unverwundbaren Körper aus Hornschuppen, und dank zweier robuster Flügel konnte er auch fliegen.
Der Drachen, schon seit Tagen hungrig, machte sich sofort auf die Suche nach etwas Essbarem. Das erste, das sich im bot, waren die Bauern auf den Feldern und in kürzester Zeit verbreitete er im Dorf Mezzocorona Angst und Schrecken. Damit sie nicht alle früher oder später im Bauch des Drachen endeten, mussten sie eine Lösung finden, um diese Teufelsbrunst zu töten! Guter Rat war teuer! Plötzlich erhob sich aus der verzweifelten Menge die Stimme des Grafen Ugo Firmian:
„Immer mit der Ruhe” schrie er „nur Feiglinge geben auf, bevor sie sich der Gefahr stellen! Vertraut mir. Ich persönlich werde dem Basilisk entgegentreten. Sollte ich gewinnen, dann können wir alle wieder unser der Arbeit gewidmetes und friedvolles Leben aufnehmen, sollte er mich aber töten, dann bleibt euch immer noch die Zeit, um zu flüchten. Ich verlange von euch nur, dass ihr noch einige Stunden in euren Kellern ausharrt. Seid ihr einverstanden?”
Der unerschrockene Wortführer begann mit seiner Kletterpartie bis hin zur Höhle San Gottardo… und erreichte schließlich die Esplanade vor der Höhle San Gottardo, in der der Drachen ungestört schlief. Graf Ugo vom Castel Firmian, darauf bedacht keinen Lärm zu machen, näherte sich dem Höhleneingang und stellte dort einen Eimer voll Milch ab und in unmittelbarer Nähe einen Spiegel. Dann versteckte er sich in den Sträuchern. Wieder aufgewacht, und neuerlich vom Hunger geplagt, nahm der Basilisk den vollen Eimer Milch wahr. Er näherte sich dem Eimer und begann genüsslich die Milch zu lecken. Richtig lecker! Aber plötzlich sah er, genau vor sich, einen anderen, identischen Drachen! Der sah nicht nur wie er aus, sondern der neue „Freund“ imitierte auch all seine Gesten. Richtig sympathisch, dachte er! Er versuchte sich zu drehen, und auch der andere drehte sich, beugte sich auf den Boden und der andere tat es ihm nach, legte sich mit dem Bauch nach oben, und … Auf diesen Augenblick hatte Graf Ugo Firmian nur gewartet! Nun sprang er aus dem Gebüsch, in dem er sich versteckt hatte, und stieß sein Schwert in den Bauch, den einzigen verwundbaren Punkt des Ungeheuers. Dieses, auf diese Art, überlistete Biest knurrte ein letztes Mal, und sank leblos auf die Erde nieder. Die List und der Mut dieses einsamen Ritters hatten über die bestialische Gewalt des Ungeheuers gesiegt. Zur Überlistung genügten nur ein Eimer Milch und ein Spiegel.
Siegessicher hievte der Graf den Kopf des Ungeheuers über den Fels, um ihn seinen in Ekstase geratenen Landsleuten zu zeigen. Aber ein Tropfen des mörderischen Gifts bahnte sich den Weg durch seine Rüstung, floss am Arm des Ritters entlang und verwandelte ihn in diesem Moment in eine lebende Fackel. Die ersten auf der Esplanade eingetroffenen Einwohner von Mezzocorona fanden nicht nur den toten Basilisk, sondern auch eine Ritterrüstung, die nur noch ein Häufchen Asche des Grafen enthielt.

G. Borzaga, Leggende dei castelli del Trentino, Manfrini editori, Calliano (Trento), 1993

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